Sinkende Motivation durch falsche Integration

Sinkende Motivation durch falsche Integration

 

 

Der erste Schritt für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist eine gemeinsame Sprache

 

 

Geht ein Mitarbeiter auf Reisen...

 

Geht ein deutschsprachiger Mitarbeiter*) auf Geschäftsreise, so erhält dieser Unterstützung in Form eines interkulturellen Trainings und/oder eines Sprachkurses. Das Unternehmen ist ja bestrebt, auch im Ausland, eine gute Figur zu machen. Besagtem Mitarbeiter wird, um dann ganz sicher zu gehen, vielleicht auch noch ein Dolmetscher zur Seite gestellt, der ihn, in dem jeweiligen Land, unterstützt und berät. Was aber passiert mit der Unterstützung neuer Mitarbeiter ohne Deutschkenntnisse im eigenen Unternehmen?

 

 

Fehlende Unterstützung bei neuen Mitarbeitern

 

Ein neuer Mitarbeiter ohne Deutschkenntnisse, erhält diese Art von Unterstützung oftmals nicht - oder wenn - dann oft nur sehr zeitverzögert, was in den jeweiligen Teams, unweigerlich zu Missstimmung und Frustration führt.

 

Genau dieses konnte ich im Laufe meiner 18jährigen Tätigkeit als Trainerin mehrfach feststellen und möchte Ihnen dieses, anhand eines Beispiels aus meiner Praxis, erläutern:

 

Einem in Indien lebenden Ingenieur (ich nenne ihn mal Herrn Devi), wurde ein Arbeitsplatz in einem norddeutschen Unternehmen angeboten. Freudig nahm Herr Devi das Angebot an. Es war ihm zwar klar, dass Deutschland für ihn sehr schwierig werden würde, dennoch packte er seine Koffer und ließ sich auf das Abenteuer ein.

 

In Deutschland angekommen, dann die herbe Enttäuschung. Herr Devi konnte zwar kein Deutsch, verfügte aber über sehr gute Englischkenntnisse. Leider konnte der Teamleiter aber kein Englisch.

 

Im Berufsalltag sah das dann folgendermaßen aus: Der Teamleiter suchte sich, um Herrn Devi eine Arbeitsanweisung erteilen zu können, einen seiner Englisch sprechenden Teamkollegen, der für ihn übersetzte. Nun waren diese Kollegen oft unterwegs, wodurch Herr Devi manchmal Aufgaben erhielt, die nicht seinem Kenntnisstand entsprachen und auch nicht viel Zeit in Anspruch nahmen. Die freie Arbeitszeit surfte er, zwangsläufig, oft stundenlang im Internet.

 

 

Wachsender Unmut im Team

 

Der deutsche Teamleiter hatte nun einen Mitarbeiter im Team, der aufgrund seiner fehlenden Deutschkenntnisse nicht zu 100 % einsatzfähig war. Das Team hatte eigentlich auf Entlastung gehofft, erhielt nun aber einen neuen Mitarbeiter, den sie eher als Belastung empfanden.

 

Als Herr Devi neu ins Team kam hieß es, man solle ihn unterstützen. Anfangs bemühten sich die Teammitglieder ja auch, aber schließlich hatten sie ja auch noch eigene Aufgaben zu bewältigen. Das Interesse ließ im Laufe der Zeit merklich nach, wohingegen der Unmut stetig anstieg. Dieses wurde vom Team nicht offen angesprochen, denn sie „haben ja eigentlich nichts gegen den neuen Mitarbeiter“ und „er selbst kann ja auch nichts für diese Situation“. Tatsächlich zeigte sich der wachsende Unmut aber, indem englisch sprechende Teammitglieder immer weniger als „Übersetzer“ zur Verfügung stehen wollten und vorgaben „sehr dringende“ Aufgaben erledigen zu müssen, oder in irgendwelche Besprechungen verschwanden.

 

 

Wie ging es dem neuen Mitarbeiter?

 

Als Herr Devi dann endlich die Erlaubnis für einen Deutschkurs erhielt, waren fast zwei Jahre vergangen. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits so demotiviert, dass er drauf und dran war seine Koffer zu packen. Er erzählte mir, denn ich war damals seine Trainerin, dass er sich selbst noch ein weiteres halbes Jahr in Deutschland gab. Sollte er dann nicht in der Lage sein, sich mit seinem Teamleiter direkt zu verständigen, wolle er seine Zelte abbrechen. Er entwickelte in diesem halben Jahr solch einen Ehrgeiz, dass er sein selbstgestecktes Ziel locker erreichte – und blieb.

 

Heute spricht Herr Devi ein sehr gutes Deutsch, hat sich wunderbar integriert und seinen Lebensmittelpunkt hier in Deutschland gefunden.

 

 

Ein Team ersetzt keinen Sprachtrainer!

 

In Unternehmen, in denen so etwas passiert (und leider ist dieses kein Einzelfall), entstehen unweigerlich Spannungen. Das Team kann keinen Sprachtrainer bzw. Sprachtraining ersetzen und die Teammitglieder sind auch nicht als Sprachtrainer eingestellt worden!

 

Jedes Teammitglied hat Zielvorgaben, die erreicht werden müssen. Unsere Geschäftswelt dreht sich immer schneller und damit sind auch die Aufgabenbereiche der Mitarbeiter stark angestiegen und zwar in dem Maße, dass sie für Einzelne manchmal kaum noch zu bewältigen sind. Diese Zusatzbelastung bedeutet für die Teams Stress und Frustration – und - sein wir mal ehrlich - das ist nicht die Aufgabe der Teams.

 

 

Was tun?

 

Unternehmen müssen zuerst in den neuen Mitarbieter investieren - und zwar in Form von Intensivtrainings. Dann erst hat der neue Mitarbeiter eine Grundlage, auf die er und das Team aufbauen kann. Ein Mitarbeiter kann mit einem zweiwöchigem Intensivtraining soweit sein, dass er sich mit seinen Teammitgliedern gut verständigen kann.

 

 

Unternehmen sparen oft am falschen Ende

 

Unternehmen scheuen sich oft diese, wie sie sagen, „hohe Investition“ zu tätigen, aber seien wir mal ehrlich: Was kostet denn mehr: Ein unproduktiver Mitarbeiter? Ein frustriertes Team? Innere Kündigungen? Reale Kündigungen? Arbeit nach Vorschrift? Ich denke, dass diese Investion wohl das kleinste Übel ist.

 

 

Worin liegt der Vorteil dieses Trainings?

 

Er liegt darin, dass der Mitarbeiter nach diesem Intensivtraining zielgerecht und produktiv eingesetzt werden kann. Einer Integration steht nichts mehr im Wege, denn das Team kann endlich miteinander kommunizieren. Der neue Mitarbeiter wird vom Team nicht als Belastung, sondern als Bereicherung empfunden.

 

An dieser Stelle möchte ich auch einmal anführen, dass viele meiner deutschlernenden Kunden, sich über ihre Teams beschweren, da mit ihnen zu viel Englisch gesprochen werde.

 

 

Kaffeeküchen-Smalltalk erwünscht!

 

Wenn Sie einen Mitarbeiter im Team haben, der gerade Deutsch lernt, tun sie ihm keinen Gefallen, wenn sie weiterhin Englisch mit ihm reden. Ist er ein Anfänger, so begegnen sie ihm mit: „Wie geht es Dir/Ihnen?“, denn das ist das Erste was er im Deutschkurs lernt und so kann er, in seinem Team, seine neuerworbenen Kenntnisse üben. Kaffeeküchen-Smalltalken Sie mit ihm!

 

 

Korrektur erwünscht!

 

Meine deutschlernenden Kunden bemängeln auch die fehlende Korrektur in ihren Teams! Sie merken, dass ihr deutscher Satz nicht fehlerfrei war, wissen aber nicht wo der Fehler liegt. Wenn sie nachfragen, bekommen sie als Antwort: „Dein Deutsch ist wirklich sehr gut!“ - werden aber nicht korrigiert.

 

Trauen Sie sich zu korrigieren! Sie müssen die Grammatik, die dahintersteckt, nicht erklären – dafür ist sein Trainer da. Lassen Sie ihren neuen Kollegen den fehlerhaften Satz aufschreiben und dann kann er bei seinem Trainer nachfragen.

 

 

Der erste Schritt zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit, ist die Investition in eine gemeinsame Sprache!

 

 

 

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©Renée Müller-Naendrup

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

*) Aufgrund der besseren Lesbarkeit verwende ich in meinem Text, der Einfachheit halber, nur die männliche Form.

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